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Das 29 zu 24-Gefühl

Vorwort von Handball-Bundestrainer Heiner Brand

Zwei Minuten vor Schluss ist klar: Wir sind Weltmeister. 29 zu 24 im Finale gegen Polen. Für 19.000 in der Köln-Arena gibt es kein Halten mehr. Ich will aufs Feld, zu den Spielern. Mein größter Triumph seit 1978 - als Spieler durfte ich den Pokal schon einmal in den Händen halten. Und jetzt - 2007 - auf der Bank! In Deutschland! Wahnsinn!

Noch zwei Wochen zuvor sah das anders aus. Wir hatten in der Vorrunde so unsere Probleme, ein junges, noch nicht perfekt eingespieltes Team. Mal Hand aufs Herz: Wer setzt zu diesem Zeitpunkt auf Deutschland als Weltmeister? Trotzdem haben wir daran geglaubt, dass wir es packen können.

Dieses Gefühl des "Wir packen das schon" - eine Mischung aus Trotz, sich selbst und die anderen motivieren und Ehrfurcht vor der bevorstehenden Aufgabe - haben auch die 22 Teams durchlebt, die auf den folgenden 160 Seiten vorgestellt werden. Sie sind Vereine oder Bürgerinitiativen, die entschieden haben, das kommunale Schwimmbad, die Bibliothek, das Museum selbst zu managen oder die Straßen zu bauen. Alles Aufgaben, die fest im Rathaus lagen - bis dort der Rotstift zu regieren begann. Die Entscheidung war einfach: das Projekt begraben beziehungsweise auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben - oder selbst machen. Mit ihrem Engagement haben die hier porträtierten Menschen das Motto des Buches vorgegeben: Ideen statt Rotstift.

Die 22 Beispiele sind nur eine Auswahl. Es gibt Hunderte solcher Projekte in Deutschland. Die Macher dahinter haben sich von den Zweiflern nicht beirren lassen, haben Probleme gesehen, gelöst, von Spiel zu Spiel oder von Aufgabe zu Aufgabe gedacht, immer mehr Menschen begeistert und am Ende dieses "29 zu 24 - Gefühl" erzeugt: "Wir haben es geschafft!" Und wie haben die Kommunen reagiert? Eine hat überhaupt erst den Impuls zum bürgerschaftlichen Engagement gegeben. Andere haben zuerst auf stur geschaltet, sich irgendwann überzeugen lassen und dann mitgeholfen, weil sie gemerkt haben, dass hier neue Energien am Werke sind.

"Deutschland zum Selbermachen" porträtiert in 13 Bundesländern kommunales bürgerschaftliches Engagement. Ausgangspunkt für die ausgewählten Projekte ist immer: Bürger übernehmen Aufgaben, die bis dato in Staatshand waren, die sich aber andererseits für normales, privates Unternehmertum nicht rechnen. Professor Sebastian Braun, Direktor des Forschungszentrums Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn, hat die 22 Beispiele bewertet.  Er spricht vom neuen Ehrenamt beziehungsweise von der Anwender-Demokratie: Die neuen Ehrenamtlichen sind unbequemer, fragen nach dem Sinn und dem Nutzen, bevor sie ihre Aufgabe antreten. Ist die Frage geklärt, wird Gas gegeben.

In seiner zusammenfassenden Analyse am Ende des Buches schreibt Braun, dass die staatlichen Institutionen für dieses neue Engagement wichtig sind: als Moderator, Probleme-aus-dem-Weg-Räumer, in der Verantwortung für die Gewährleistung bestimmter kommunaler Dienstleistungen. Zudem sind die Projekte  klar dem ehrenamtlichen Bereich zuzuordnen, dieses Engagement ist  kein Ersatz-Arbeitsmarkt. Die Menschen engagieren sich vielmehr im Bereich der Nischen-Ökonomie: Über den 1. Arbeitsmarkt würden sie mangels Finanzierungsmöglichkeiten nicht angepackt.

Die Bürger gehen anders an die Sache heran, praktischer, vielfach unstrategischer, aber immer kreativ, mit neuen Ideen und bedarfsorientiert. Sie werden getragen von der gemeinsamen Sache, von ihrer Begeisterung und dem Willen, etwas für Andere und damit zugleich für sich zu tun. Die Menschen, die sich in den Vereinen treffen, sind eine Sammlung unterschiedlicher Charaktere und Stärken, ein bunter Mix von Kompetenz - so wie in der Handball-Nationalmannschaft. Den Projekten sieht man das an, neue Ideen gehen an den Start, man denkt über den Tellerrand hinaus. Und - das ist ein ganz wichtiger Effekt - man lernt sich kennen, knüpft Netzwerke, geht anders miteinander um.

Die hier vorgestellten Beispiele, die man auch mit "Eigeninitiative statt Jammern" überschreiben könnte, sollen Schule machen. Deshalb versteht sich das von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und dem Forschungszentrum Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn herausgegebene Buch auch als Blaupause. In den "Hinweisen für Selbermacher" werden Tipps und Kniffe preisgegeben, zudem sind die Kontakt-Adressen abgedruckt.

Zwei Dinge sind noch wichtig: Erstens sind die Beispiele Erfolgsmodelle! Nicht überall und nicht immer können Aktivitäten der Bürgergesellschaft so erfolgreich verlaufen. Die oft zu hörenden Klagen von Vereinen und Initiativen, es fehle das Geld, muss man ernst nehmen und auch fragen, woran das liegt. Aber das ist nicht das Ziel dieses Buches. Dieses Buch schaut hinter die Kulissen von erfolgreichen Projekten bürgerschaftlichen Engagements, ohne dabei unkritisch zu sein. Denn es schildert nicht nur glatte Erfolgsgeschichten, sondern berichtet auch von Grenzen und Herausforderungen, denen sich die Projekte stellen mussten.

Zweitens zeigen die Beispiele, dass man nicht immer nach Hilfe von oben fragen muss. Über Spenden- und sonstige innovative Konzepte haben die Protagonisten vor Ort ihre Projekte gestemmt. Das soll aber nicht als Freifahrtsschein für Bund, Länder und Kommunen verstanden werden, sich aus der Finanzierung zurückzuziehen. Im Gegenteil, bürgerschaftliches Engagement, Vereinsarbeit, muss noch viel stärker gefördert werden: Es ist das Fundament unseres Gemeinwesens, das durch staatliche Aktivitäten gestützt, gestärkt und gefördert wird. Was Politik und Verwaltung als Erkenntnis daraus mitnehmen können: Die Menschen wollen sich engagieren, sich vernetzen und anpacken. Weil jeder einzelne merkt, dass er bei allem Aufwand eine Menge zurückbekommt.

Zurück zum Finale: Ich erinnere mich an eine Szene: Markus Baur wuchtet den Pokal in die Höhe, Henning Fritz seine Krücken, Lametta fliegt, und die Spieler - allesamt mit aufgeklebtem Brand-Schnauzer - schreien ihre Freude in die Arena. Ich stehe mittendrin, grinse wie ein Honigkuchenpferd -  genieße einfach. Ich bin mir sicher, dieses Gefühl haben alle 22 Bürger-Teams auch schon durchlebt. Es muss ja nicht immer gleich Lametta sein.

Heiner Brand, Handballbundestrainer