Untersuchungsanlage "Deutschland zum Selbermachen"
Prof. Dr. Sebastian Braun / Dipl. Sportwiss. Sebastian Finke
- Zielstellung der Evaluationsstudie
- Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft
- Anlage der Evaluationsstudie
- Von der Projektidee zum Erfolgsmodell: 14 Leitthesen
1. Zielstellung der Evaluationsstudie
Die 22 Beispiele lokalen Bürgerengagements in Deutschland beschreiben, welcher Ideenreichtum von Bürgerinnen und Bürgern ausgehen kann, um soziale (Dienst-) Leistungen im Gemeinwesen aufrechtzuerhalten. Es handelt sich bei diesen Beispielen um ausgewählte Projekte, die einen Ausschnitt der sozialen Wirklichkeit in Deutschland repräsentieren: jenen Ausschnitt bürgergesellschaftlichen Engagements, wo es mit nachhaltigem Erfolg gelungen ist, bislang staatlich organisierte Leistungen durch Selbstorganisation in freiwilligen Vereinigungen wie zum Beispiel in Vereinen und Initiativen zu erhalten oder gegebenenfalls sogar zu optimieren.
Die ausgewählten 22 Projekte sind so genannte Best Practice-Beispiele. Dieser Hinweis ist insofern wichtig, als der eingedeutschte, aus der amerikanischen Betriebswirtschaftslehre stammende Begriff "Best Practice" die beste Verfahrensweise oder - freier übersetzt - ein Erfolgsrezept bzw. eine Erfolgsmethode bezeichnet. Das vorliegende Buch hat sich ganz bewusst auf solche Beispiele konzentriert, um Erfolgsfaktoren herauszuarbeiten, kreativ zu bewältigende Herausforderungen zu benennen und auch Grenzen der Übernahme bislang staatlich organisierter Leistungen durch bürgerschaftliches Engagement zu analysieren. Wie die Beispiele anschaulich erkennen lassen, muss es sich dabei keineswegs immer um die vermeintlich "großen" Projekte in der Gesellschaft handeln, die in der Regel die mediale und politische Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Bürgergesellschaft zeichnet sich vielmehr durch die schöpferische Vielfalt überschaubarer und kleinerer Projekte in der assoziativen Lebenswelt der lokalen Vereine und Initiativen aus, die in ihrer Gesamtheit einen kaum zu quantifizierbaren Beitrag zu Wohlfahrt und Demokratie in der Gesellschaft leisten.
Auch wenn sich das Buch auf Erfolgsmodelle konzentriert, können moderne Gesellschaften wie die Bundesrepublik Deutschland ihre sozialen Dienstleistungen natürlich nicht alleine auf der Basis bürgerschaftlichen Engagements erstellen. Es gibt keineswegs nur erfolgreiche Projekte in der assoziativen Lebenswelt der Vereine und Initiativen, die aller Widrigkeiten zum Trotz in der Lage sind, immer wieder kreative Lösungen zu finden, um bislang kommunale Dienstleistungen am Leben zu erhalten. Und viele Verbände, Vereine und Initiativen klagen nicht zu unrecht darüber, dass sie und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter aufgrund des kontinuierlich wachsenden Aufgabenspektrums im kommunalen Raum massiv überfordert werden. Insofern kann der dargestellte Ideenreichtum des "assoziierten Bürgers" auch kein Ausfallbürge für reduzierte sozialstaatliche Leistungen sein. Im Gegenteil: Schleicht sich nur der Verdacht einer Instrumentalisierung bürgerschaftlichen Engagements für staatliche Zwecke ein, dann wird kommunale Bürgerbeteiligung sehr schnell als Demokratisierung der Machtlosigkeit erfahren, was auf Dauer die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement minimieren würde.
Anstelle einer Instrumentalisierung bürgerschaftlichen Engagements für staatliche Zwecke geht es offenkundig vielmehr um Co-Produktion und Kooperation zwischen Organisationen der Bürgergesellschaft und des Staates. Insofern wurden für das Buch solche Projekte ausgewählt, die mit einer Neubewertung der "aktiven Bürgerschaft" auf Seiten der Kommunalpolitik und -verwaltung einhergehen. Für verschiedene europäische Länder wurde bereits vor einigen Jahren die "Anwender-Demokratie" als ein bedeutsamer Trend des übertragens staatlicher Aufgaben an die Gesellschaft beziehungsweise der Rückeroberung solcher Aufgaben durch die Gesellschaft beschrieben: Institutionell geförderte Bürgerbeteiligung und Öffnung staatlicher Einrichtungen, Stärkung der Subsidiarität und kleiner Lebenskreise, Wiederbelebung politischer und sozialer Nahräume, Dezentralisierung großer Sozialsysteme und Kommunalisierung politischer Aufgaben lauten die Stichworte, die auch im Rahmen des Buches als wichtige Kriterien zur Auswahl der Projekte herangezogen wurden.
Diese Projekte wurden auf der Basis einer wissenschaftlichen Evaluationsstudie untersucht, die das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn von Dezember 2006 bis Juni 2007 durchgeführt hat. Diese Evaluationsstudie verfolgte die zentrale Zielstellung, die Möglichkeiten und Grenzen der Bereitstellung bislang staatlich organisierter Leistungen durch bürgerschaftliches Engagement in der assoziativen Lebenswelt der Menschen - also in freiwilligen Vereinigungen wie z.B. Vereinen und Initiativen - auf der Basis empirischer Fallstudien über lokale und regionale Projekte in Deutschland systematisch zu untersuchen.
Vor diesem Hintergrund wird dieser abschließende Beitrag des Buches die 22 dargestellten Projekte kommunalen Bürgerengagements zunächst in einen größeren gesellschaftspolitischen und -theoretischen Diskussionszusammenhang einordnen. Darauf aufbauend wird die Konzeption skizziert, die der empirischen Evaluationsstudie zugrunde liegt und auf deren Grundlage die Projekte wissenschaftlich untersucht wurden. Abschließend werden dann die Ergebnisse der Studie in einem Best Practice-Leitfaden für potenzielle Nachahmer gebündelt. Diese drei Teile bauen systematisch aufeinander auf; insofern bietet es sich an, sie nacheinander zu lesen. Zugleich sind sie aber so verfasst, dass der "schnelle Leser" die drei Teile auch unabhängig voneinander lesen kann.
2. Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft
Der deutsche Wohlfahrtsstaat im Kreuzfeuer der Kritik
Die Debatte über die Krise des Wohlfahrtsstaats begann in der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1970er Jahre. Unter dem Eindruck der ersten Ölkrise, die zu einer weltweiten Wirtschaftsflaute und steigenden Arbeitslosenzahlen führte und des Berichts des Club of Rome wurde nicht nur das Ende des seit dem Zweiten Weltkrieg anhaltenden Wirtschaftswachstums thematisiert. Vielmehr wurde auch das sozialdemokratische Modell vom Staat als "Hüter und Wächter des Gemeinwohls" in Frage gestellt. In diesem wohlfahrtsstaatlichen Arrangement spielte die aktive Bürgerschaft und deren Selbstorganisationsfähigkeit eine untergeordnete Rolle: Nicht hohe Beteiligungsquoten der Bürger und die Beiträge gesellschaftlicher Akteure, sondern das staatliche Leistungsniveau des politisch-administrativen Systems galten als Maßstab für die Funktionstüchtigkeit des Gemeinwesens.
Dieses Modell wurde seinerzeit von liberal-konservativer wie auch links-alternativer Seite angegriffen: Erstere machten die staatliche Hyperaktivität für die Lähmung von Eigeninitiative und Unternehmergeist verantwortlich und betonten die Bedeutung von Wettbewerb und Konkurrenz, um kollektive Wohlfahrt garantieren und die Anspruchsexplosion an staatliche Leistungen bändigen zu können. Auf der anderen Seite wurde insbesondere im Umfeld der Selbsthilfebewegung die zunehmende Verrechtlichung, Bürokratisierung und Professionalisierung sozialer Dienste kritisiert und der Staat von seiner Rolle als Bürge für eine gerechte Gesellschaft in jene des Problemproduzenten gedrängt, da er die Bürger in ihren Fähigkeiten zu Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe entmündige. Forderungen nach Entstaatlichung, Privatisierung, Subsidiarität und Wiederbelebung des Assoziationswesens von eher liberal-konservativer Seite berührten sich mit der Wiederentdeckung der Vorzüge von intermediären Assoziationen, sozialem Pluralismus und antiinstitutionellen sozialen Bewegungen auf links-alternativer Seite.
Vor diesem Hintergrund werden in der aktuellen sozialpolitischen Debatte Auseinandersetzungen über die Ausgestaltung des hiesigen Wohlfahrtsstaats weitergeführt, die sich auf die grundlegenden Veränderungen und neueren Strategien zur Modernisierung der staatlich regulierten Sicherungssysteme konzentrieren. Seit Mitte der 1980'er Jahre reüssieren dabei Vorschläge, die vor allem unter dem Etikett "New Public Management" bekannt wurden - einem Steuerungsmodell, dessen Referenzmodell für eine Modernisierung öffentlicher Verwaltungen die Züge privatgewerblicher Unternehmen trägt. Die entsprechenden Vorschläge reichen von der Modernisierung des Managements nach privatwirtschaftlichen Mustern über die Einführung von Wettbewerbsmechanismen bis hin zur Privatisierung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Zwar herrscht bislang alles andere als Einigkeit zwischen Befürwortern und Gegnern von Privatisierungs- und Deregulierungsstrategien. In einem Punkt war ihre Argumentationsbasis bislang aber ähnlich: Markt, Staat und der einzelne Bürger wurden zumeist isoliert betrachtet, während gemeinschaftliche Bezüge und gesellschaftliche Assoziationsformen - mit Ausnahme der Familie - randständige Bedeutung hatten.
Bürgerschaftliches Engagement in der Wohlfahrtsgesellschaft
Genau in diese Lücke sind in den letzten Jahren die Kritiker der auf die Pole Staat versus Markt konzentrierten Reformdebatte gestoßen: Sie fordern eine grundsätzliche Neuordnung des institutionellen Arrangements des Wohlfahrtsstaats. Dabei setzen sie auf eine Pluralisierung von Akteuren der Wohlfahrtsproduktion jenseits von Staat und Markt, auf die komplementäre Vernetzung der verschiedenen Sektoren der Wohlfahrtsproduktion (Staat, Markt, Nonprofit-Sektor und Familie) sowie auf eine Stärkung von bürgerschaftlicher Mitwirkung, Selbsthilfe und Selbstorganisation in freiwilligen Vereinigungen wie z.B. Vereinen, Projekten und Initiativen. Wohlfahrtsrelevante Güter und Kostenvorteile, die durch unbezahlte (Laien-)Tätigkeiten in freiwilligen Vereinigungen entstehen, werden mittlerweile quer durch das Parteienspektrum wiederentdeckt.
Diese Akzentverlagerung in der aktuellen Diskussion begründet auch die Popularität von Ansätzen, die seit längerem unter Begriffen wie "welfare-mix", "Wohlfahrtspluralismus" oder "Wohlfahrtsgesellschaft" diskutiert werden. Diese Ansätze betonen vor allem den Unterschied zur Sozialstaatlichkeit: Der Bürger wird nicht nur als Klient und Konsument, sondern mit seinem bürgerschaftlichen Engagement als wichtige Säule im System des gesellschaftlichen Bedarfsausgleichs betrachtet. Der Staat gilt zwar weiterhin als maßgeblicher Träger sozialer Dienste und Einrichtungen, da Selbstorganisation und Selbsthilfe die Leistungen professionalisierter und bürokratisierter sozialer Sicherung nicht ersetzen könnten. Ihm werden aber vor allem strategiebildende, regulative, gewährleistende und moderierende Aufgaben zugesprochen.
Korrespondierend dazu werden Leitbilder vom "aktivierenden", "ermunternden" und "ermöglichenden Staat" propagiert. Im Kontrast zu erwerbswirtschaftlichen oder klassisch bürokratischen Lösungen bei der Herstellung wohlfahrtsrelevanter Güter favorisieren diese Leitbilder einen Mix unterschiedlicher Steuerungsinstrumente, netzwerk- und prozessförmige Steuerungsformen und die Einbindung gesellschaftlicher Akteure. Sie implizieren also eine neu gelebte Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft, um gemeinsame Ziele im Hinblick auf Wohlfahrt und Demokratie zu erreichen. Staatliches Tun soll dabei mit Eigeninitiative und Eigenverantwortung der Bürger verbunden werden und eine neue Leistungsaktivierung in allen Stufen der Wertschöpfungskette öffentlicher Leistungen erzielt werden. Entsprechende Schlagworte lauten: Leistungsaktivierung statt Leistungskürzung, Dialog statt Dekret, Koproduktion statt Verhandlung, Selbstorganisation statt hoheitliche Fürsorge oder neue Verantwortungsteilung statt Verantwortungsübertragung.
Neue Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft
Vor diesem Hintergrund werden beispielsweise unterschiedliche Ebenen staatlicher Verantwortungsbereiche voneinander abgegrenzt. Auf der ersten Ebene befinden sich demnach die Kernaufgaben des Staates: Freiheit und Sicherheit der Gesellschaft (z.B. Polizei, äußere Sicherheit, Rechtsschutz, Strafvollzug, Finanzverwaltung). Auf der zweiten Ebene folgen Aufgaben, die man bisher als öffentliche verstanden hat, die aber nicht notwendigerweise von staatlichen Organen ausgeführt werden müssten. Hierzu werden z.B. Teile der Leistungsverwaltung und Daseinsvorsorge gezählt. Auf der dritten Ebene befinden sich schließlich jene Aufgaben, die der Staat weder ausführen noch gewährleisten müsse und die auch durch private Organisationen wie z.B. freiwillige Vereinigungen übernommen werden könnten. Exemplarisch dafür stände das Management von Sportanlagen, Schwimmhallen oder Freibädern, das anstelle des Sportamts zunehmend von Sportvereinen und den ehrenamtlich engagierten Vereinsmitgliedern übernommen werden könne.
Abstrakter formuliert bedeutet das: Während der Staat bisher die Gewährleistungs-, Finanzierungs- und Vollzugsverantwortung bei der Herstellung öffentlicher Güter innehatte, soll er sich nun auf die Gewährleistungsfunktion beschränken, die Vollzugs- und Finanzierungsverantwortung mehr und mehr an freiwillige Vereinigungen abtreten und damit zugleich Gelegenheitsstrukturen für bürgerschaftliches Engagement schaffen. In diesem Kontext wird dem Staat insbesondere die Aufgabe zugesprochen, die Funktionsweise und überlebensbedingungen der vielfältigen Organisationen und Initiativen im Nonprofit-Sektor zu ermöglichen. Gestaltungsoptionen ergeben sich in diesen Konzepten vor allem durch die staatliche Regulierung des wohlfahrtspluralistischen Arrangements.
3. Anlage der Evaluationsstudie
Jenseits dieser theoretischen und teilweise auch normativ überfrachteten Vorstellungen über eine neue Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft ist bisher allerdings auf empirischer Ebene weitgehend unklar, welche Möglichkeiten und Grenzen mit der Übernahme bislang staatlich regulierter öffentlicher Leistungen durch bürgerschaftliches Engagement in freiwilligen Vereinigungen verbunden sind. Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen der Evaluationsstudie Fallstudien über ausgewählte lokale und regionale BestPractice-Projekte durchgeführt. Dabei wurden mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden vier Untersuchungsdimensionen differenzierter empirisch untersucht:
- Projektanalyse im Sinne einer prozesshaften Rekonstruktion der spezifischen Maßnahmen und Leistungen, die im Rahmen der Projekte erstellt werden;
- Organisationsanalyse im Sinne einer Rekonstruktion der Organisationsprofile der freiwilligen Vereinigungen, die als Projektträger ehemals staatlich organisierte Leistungen übernommen haben;
- Leistungsanalyse im Sinne einer Rekonstruktion von In- und Outputs, Wirkungen, Professionalitätsstandards und Kooperationsformen im Zusammenhang mit den Projekten;
- Perspektivenanalyse im Sinne einer prospektiven Untersuchung der Gestaltungsmöglichkeiten und Grenzen einer weiter führenden Übernahme öffentlicher Leistungen durch die freiwilligen Vereinigungen.
Die Zusammenschau der Ergebnisse, die aus den vier verschiedenen Untersuchungsdimensionen gewonnen wurden, bildete eine umfangreiche empirische Basis, um ein praxisbezogenes Orientierungs- und Handlungswissen zu generieren. Dieses Wissen kann bei der Vorbereitung, Entwicklung, Implementation und Durchführung innovativer und kreativer Projekte Hilfe und Lösungsansätze bieten, um die Übernahme ehemals öffentlicher Aufgaben durch bürgerschaftliches Engagement erfolgreich zu gestalten. Insofern kann es einerseits von engagementbereiten Bürgern genutzt werden, die nach Erfolg versprechenden Modellen und Lösungsansützen suchen; andererseits können es aber auch Staat und Politik verwenden, um kreative Ansätze einer aktiven Bürgerschaft bei der Herstellung wohlfahrtsrelevanter Güter zu ermöglichen und zu fördern.
Auswahl der Projekte
Die Auswahl der evaluierten Projekte basierte auf einer grundlegenden Recherche in Deutschland. Auf dieser Informationsgrundlage wurden 22 Projekte ausgewählt, wobei der Auswahl folgende maßgebliche Kriterien zugrunde gelegt wurden:
- Die Projekte sollten einen Beitrag zur Lösung spezifischer gesellschaftlicher Probleme im lokalen und/oder regionalen Raum leisten. Dieser Beitrag sollte insbesondere darin bestehen, dass ehemals staatliche Leistungen durch Bürger in "Gemeinschaftsarbeit" übernommen werden. Im Rahmen dieser Projekte sollen also in der Regel keine neuen Leistungen erstellt werden, sondern Leistungen, die bisher von staatlichen Organisationen erbracht wurden. Das bedeutet allerdings nicht, dass die notwendigen Ressourcen zur Projektdurchführung ohne jegliche staatliche Förderung mobilisiert werden müssen; nach wie vor kann durch öffentliche Haushalte eine finanzielle Unterstützung erfolgen.
- Im Rahmen der Projekte sollten die Leistungen auf der Basis bürgerschaftlichen Engagements erstellt werden. Der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements bezeichnet dabei ein breites Spektrum von Tätigkeiten der Bürger jenseits der Privatsphäre (z.B. Familie, Erwerbsarbeit) und der im engeren Sinne staatlichen Handlungssphäre. Die Evaluationsstudie sollte sich also auf solche Projekte konzentrieren, in denen Bürger nicht erwerbsmäßig, in der Regel unvergütet (abgesehen von Aufwandsentschädigungen) und außerhalb des sozialen Nahraums in freiwilligen Vereinigungen tätig sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Arbeit der bürgerschaftlich Engagierten nicht durch hauptamtlich, berufsförmig beschäftigtes Personal unterstützt werden kann; die Projekte sollten jedoch eindeutig als bürgerschaftlich initiierte und begründete Maßnahmen identifizierbar sein.
- Durch das bürgerschaftliche Engagement - als maßgeblicher Ressource zur Leistungserstellung in den Projekten - sollten Maßnahmen in zusätzlichen Arbeitsfeldern durchgeführt werden, die für privatgewerbliche Unternehmen unrentabel sind. Bürgerschaftliches Engagement sollte also kein Substitut für mögliche Beschäftigungsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt sein. Insofern sollten Projekte in der Bürgergesellschaft ausgewählt werden, die sich in einer "Nischenökonomie" bewegen, bei der es unwahrscheinlich ist, dass privatgewerbliche Anbieter reguläre Beschäftigungsverhältnisse schaffen würden.
- Darüber hinaus wurde bei der Auswahl der Projekte auf eine möglichst breite Verteilung auf unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche (Soziales, Bildung, Kultur, Sport, Freizeit etc.) geachtet werden, um die Vielfalt von Projekten in sehr disparaten Bereichen in den Blick zu bekommen.
- Schließlich sollten die Projekte möglichst über alle Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland verteilt sein.
Untersuchungsverfahren
Zur Evaluation dieser verschiedenen Projekte wurden verschiedene Methoden der qualitativen Sozialforschung eingesetzt, um aussagekräftige Daten zu gewinnen:
- Zum einen wurden leitfadengestützte mündliche Experteninterviews mit relevanten Funktionsträgern durchgeführt, die an der Konzeption und Umsetzung der Projekte federführend beteiligt waren bzw. sind.
- Sofern sich in den Funktionsträger-Interviews Anhaltspunkte ergaben, dass spezifische Fragestellungen mit der Seite der öffentlichen Verwaltung zu spiegeln sind, wurde ein leitfadengestütztes mündliches Kurzinterview mit einem aussagekräftigen Mitarbeiter aus der zuständigen staatlichen Verwaltungsstelle geführt.
- Schließlich wurden Dokumente analysiert, um zusätzliche Informationen über die Projekte zu gewinnen (Projektdokumentationen, Statistiken, Berichte, Akten, Gesetzestexte etc.).
Mit Hilfe dieser verschiedenen methodischen Zugangsweisen konnten komplementäre und sich wechselseitig ergänzende Ergebnisse gewonnen werden, auf deren Grundlage die vier leitenden Untersuchungsdimensionen der Projekt-, Organisations , Effizienz- und Perspektivenanalyse der ausgewählten Projekte differenziert erfasst, beschrieben und erklärt werden können.
4. Von der Projektidee zum Erfolgsmodell: 14 Leitthesen für Bürger, die Staat machen wollen
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse wurden die 22 Projekte in einer möglichst leserfreundlichen Sprache in journalistischem Stil aufbereitet. Bündelt man die empirischen Befunde aus den Einzelfallanalysen auf einer allgemeinen Ebene, dann lassen sich 14 praxisnahe Thesen im Sinne eines "BestPractice-Leitfadens" herausarbeiten, der den Weg von einer Projektidee zu einem "Erfolgsmodell" umreißt. Diese Thesen sind so formuliert, dass von den Befragten immer wieder thematisierte Probleme als Herausforderungen dargestellt werden, mit denen bürgergesellschaftliche Projekte vielfach konfrontiert sind, fr die sie aber auch vielfach passende Lösungen finden können.
1. Von Ideen zu Zielen
Die Initiatoren eines Projekts sollten die gemeinwohlorientierten Ziele und übergeordneten Werte ihrer Projektidee frühzeitig transparent machen und in die Kommune kommunizieren. Einerseits schaffen wertbasierte Ziele Loyalität in der Bevölkerung gegenüber der "gemeinsamen Sache", so dass die Projektidee kommunalpolitischen Rückhalt erhält. Andererseits erzeugen solche Ziele vielfach eine Identifikation der Bürger. Diese Identifikation bildet wiederum eine wesentliche Antriebsfeder, sich für die Projektziele bürgerschaftlich zu engagieren. Schließlich bietet ein präzises Projektziel Politik, öffentlicher Verwaltung und Unternehmen eine transparente Grundlage, um mögliche Bedenken gegenüber der Leistungsfähigkeit bürgerschaftlichen Engagements zu korrigieren, eigene Vorstellungen zu artikulieren und auf dieser Grundlage Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen.
2. Nicht das Erzählte reicht, sondern das Erreichte zählt
Das Projektziel sollte allerdings erst nach außen kommuniziert werden, wenn die beteiligten Akteure, umsetzbare Projektziele und Maßnahmen feststehen. Dadurch gewinnt die Öffentlichkeit Vertrauen, dass das Projekt realisierbar ist und eine reale Verbesserung der Lebensbedingungen bewirken kann. Dabei gilt das Motto: "Work smarter, not harder"! In der Regel ist es nämlich ratsam, die Projektmaßnahmen möglichst eng zu fassen, damit die Ziele auch erreicht werden können.
3. Transparent nach innen und außen kommunizieren
Die Kommunikation über das Projekt sollte unter anderem durch kontinuierliche Pressearbeit oder durch Berichte flankiert werden. Je deutlicher dabei der Nutzen aller beteiligten Akteure dargestellt wird, desto besser können alle Interessengruppen das Engagement einordnen und würdigen. Darüber hinaus ist es für Nachahmer und Medien von Bedeutung, dass der Prozess der Projektentwicklung, -umsetzung, ergebnisse und wirkungen dokumentiert wird. Ein weiterer positiver Effekt besteht darin, dass über das konkrete Projekt hinaus die Idee vom bürgerschaftlichen Engagement als einem Co-Produzenten in modernen Gesellschaften verbreitet wird.
4. Verschiedene Wege denken
Um eine Projektidee nicht frühzeitig im Keim zu ersticken, sollten potenzielle Probleme bei der Umsetzung der Projektidee in die Praxis (z.B. bei der Gewinnung finanzieller, sächlicher oder personeller Ressourcen) frühzeitig reflektiert und alternative Umsetzungsszenarien entwickelt werden. Hilfreich sind dabei Praxisbeispiele als Vorbilder für das eigene Projekt. In zahlreichen Nonprofit-Organisationen (wie z.B. Freiwilligenagenturen) liegen Informationen vor, wo ähnliche Ideen realisiert worden sind. Aber auch die Kommunalverwaltungen zeigen sich gegenüber bürgerschaftlichen Projektideen zunehmend offen und sollten als Informationsquellen erschlossen werden. Schließlich bietet das Erfahrungswissen von Ehrenamtlichen, die ähnliche Projekte umgesetzt haben, wertvolle Informationen über Chancen und Risiken bei der Projektumsetzung.
5. Charismatische Persönlichkeiten suchen
Gerade in der Anfangsphase sind charismatische Persönlichkeiten vielfach die tragenden und treibenden Kräfte eines bürgerschaftlich organisierten Projekts. Diese Persönlichkeiten haben eine außeralltägliche Qualität, Gewöhnliches ungewöhnlich zu denken, als "Macher" Begeisterung für die "Sache" vorzuleben und auf diese Weise Anhänger, Ehrenamtliche und Mittelgeber für die Idee zu gewinnen. Sofern solche Persönlichkeiten bei der Genese der Projektidee noch nicht zur Verfügung stehen, sollten sie von den Initiatoren der Projekte gezielt gesucht und für die Sache gewonnen werden.
6. Vom personalisierten Projekt zur institutionalisierten Organisation
Die anfängliche Begeisterungswelle für die Projektziele verliert im Zeitverlauf an emotionaler Qualität: Die Arbeit wird überlagert von Alltagsroutinen und problemen, das bürgerschaftliche Engagement zur erwarteten Selbstverständlichkeit, die Medien berichten immer seltener - kurzum: die anfängliche Euphorie ist Vergangenheit. In dieser Übergangsphase ist es wichtig, dass sich das Projekt von einer zu starken Personalisierung der Projektarbeit entfernt und zunehmend institutionalisiert, indem es sich eine spezifische Organisationsform gibt. Eine rationale Organisationsform erlaubt es, Aufgaben, Positionen und Ämter mit den entsprechenden Verantwortlichkeiten zu definieren. Auf diese Weise reduziert sich die Abhängigkeit des Projekts vom Engagement bestimmter Personen, womit das Projekt an Nachhaltigkeit gewinnen kann.
7. Auf die Organisationsform achten
Je nach Zielstellung bieten sich verschiedene Organisationsformen an, um die Ziele des Projekts nachhaltig zu verfolgen. Als besonders erfolgreich hat sich die Rechtsform des eingetragenen Vereins (e.V.) erwiesen, der seine Rechtsfähigkeit durch den Eintrag in das Vereinsregister beim zuständigen Amtsgericht erhält. Auf diese Weise wird ein Projekt zur juristischen Person. Um als solche anerkannt zu werden, muss das Projekt nicht-wirtschaftliche, ideelle Ziele verfolgen. Gleichwohl kann der jeweilige Vereinszweck durch wirtschaftliche Tätigkeiten unterstützt werden. Mit der Wahl der Rechtsform des e.V. verbinden sich verschiedene Vorteile: In rechtlicher Hinsicht bietet der e.V. nicht nur steuerliche Vorteile (z.B. Spendenabzugsfähigkeit, wenn die Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt vorliegt), sondern es können auch Verbindlichkeiten eingegangen und z.B. Eigentum erworben werden. Die Haftung obliegt dem Verein und nicht den Mitgliedern. Der eingetragene Verein kann relativ zügig und elastisch an Veränderungen angepasst werden. Schließlich stellt der eingetragene Verein in der Öffentlichkeit einen vertrauenswürdigen Anbieter von Dienstleistungen dar, da er nicht an Erzielung eines Gewinns orientiert ist.
8. Vom "Sich-Durchwursteln" zum strategischen Planen und Handeln
Bei der Umsetzung ihrer Ziele gelangen bürgerschaftliche Projekte vielfach - und häufig früher als gewünscht - in die Situation des "Sich-Durchwurstelns" (Inkrementalismus). Umso wichtiger ist es, neben dem guten Willen eine strategische Projektplanung sicher zu stellen - erst dann wird der Nutzen für alle Beteiligten optimiert. Denn eine langfristig angelegte Strategie , an der sich die einzelnen Maßnahmen orientieren, ist in der Regel wesentlich effektiver als vereinzelte Aktionen , deren Bezug zu den Leitzielen des Projekts nicht hinreichend sichtbar wird. Zugleich eröffnet eine klare strategische Planung die Möglichkeit, bei der öffentlichen Verwaltung und Wirtschaftsunternehmen eine mittelfristige Unterstützung einzuwerben, da erkennbar wird, mit welchen Aktivitäten welche Unterziele zu welchem Zeitpunkt erreicht werden sollen.
9. Von der "Laienarbeit" zur professionellen Projektumsetzung
Die Projektverwirklichung sollte mit dem gleichen professionellen Anspruch erfolgen wie bei Projekten, die von staatlichen oder erwerbswirtschaftlichen Akteuren realisiert werden. Von besonderer Bedeutung ist die fachliche Kompetenz der bürgerschaftlich Engagierten. Professionalität heißt dabei, dass Personen gezielt für ein Engagement gewonnen werden, die aus anderen Handlungszusammenhängen (Erwerbsarbeit, Familienarbeit, etc.) spezifische Kompetenzen in die Projektarbeit einbringen können. Die Professionalisierung über die "hausinterne" Rekrutierung und Bindung qualifizierter Personen ist weitaus bedeutsamer als das "Einkaufen" professioneller Unterstützung außerhalb des Projekts. Gleichwohl kann - je nach finanzieller Situation - punktuell Fachkompetenz eingekauft werden, die z.B. vielfach bei der Klärung rechtlicher Fragen unumgänglich ist.
10. Vom "Alleingang" zur Kooperation mit Substanz
Die Projektarbeit sollte bereichsübergreifend angelegt sein und möglichst viele Akteure aus Staat, Nonprofit-Sektor und Wirtschaft involvieren. Sektorenübergreifende Formen der Zusammenarbeit sind in der Entwicklungsphase des Projekts zwar vielfach zeitaufwendiger oder mit Kommunikations- und Zielfindungsproblemen verbunden. In dieser Zusammenarbeit liegt später aber ein Schlüssel zum Erfolg: Die Partner tauschen Ideen aus, lernen voneinander und realisieren gemeinsam das Projekt. Wichtig für die Projektinitiatoren ist dabei, dass sie potenzielle Partner davon überzeugen, nicht nur kurzfristig mitzuarbeiten, um z.B. in der Startphase in der medialen Öffentlichkeit präsent zu sein. Vielmehr sollten die Partner für ein längerfristiges Engagement zur Sicherung der Nachhaltigkeit des Projekts gewonnen werden.
11. Autonomie wahren
Bei einer Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen und/oder Unternehmen sollte stets darauf geachtet werden, dass die Unabhängigkeit des Projekts gegenüber den Interessen Dritter gewahrt bleibt. Diese Autonomie ist grundlegend dafür, dass die bürgerschaftlich engagierten Mitglieder ihre Projektziele selbst bestimmt aushandeln, verfolgen und verändern können und nicht in die - später kaum noch zu kontrollierende - Spirale einer von Dritten vorangetriebenen Politisierung und/oder Kommerzialisierung ihres Projekts geraten. Je mehr die Projekte ihren assoziativen Charakter bewahren und je unabhängiger sie von den Einflussnahmen Dritter sind, desto attraktiver bleiben sie für bürgerschaftliches Engagement. Insofern sollten die Projekte das bürgerschaftliche Engagement stets als maßgebliche Ressource ihrer Leistungserstellung begreifen und damit die anspruchsvolle Aufgabe der projektinternen Arbeit verbinden, dieses Engagement attraktiv zu machen, zu pflegen, anzuerkennen und zu fördern.
12. Das "neue Ehrenamt" ernst nehmen und anerkennen
Im Hinblick auf die attraktive Ausgestaltung des bürgerschaftlichen Engagements ist es wichtig, die Erwartungen und Ansprüche derjenigen Engagierten und potenziell Engagementbereiten ernst zu nehmen, die als "neue Ehrenamtliche" bezeichnet werden und die zunehmend das "alte Ehrenamt" ergänzen und überlagern. Dieser neue Ehrenamtliche ist aus der Perspektive der Projekte "unbequemer" als der Typus des alten Ehrenamtlichen. Denn der neue Ehrenamtliche fragt immer wieder nach dem persönlichen Sinn und Nutzen seines bürgerschaftlichen Engagements und handelt weitaus seltener als der alte Ehrenamtliche aus einer selbstverständlichen und eingelebten Gewohnheit heraus, etwas für das Gemeinwohl und Gemeinwesen zu tun. Dieses selbstreflexive aber nicht zuletzt auch rational motivierte Handeln, macht den neuen Ehrenamtlichen anspruchsvoller, wenn er sich längerfristig an ein Projekt binden soll. Inwieweit eine solche längerfristige Bindung erreicht wird, hängt maßgeblich davon ab, ob attraktive Gelegenheiten vorhanden sind.
13. Vom "Weiter-so-wie-immer" zum Evaluieren und Korrigieren
Begeisterung und Leidenschaft für eine Projektidee haben nicht notwendiger Weise zur Folge, dass man sich bei der Projektkonzeption und -umsetzung nicht auch im Hinblick auf die Zielerreichung und Wirkungen der unterschiedlichen Maßnahmen verschätzen kann. Eine kontinuierliche kritische Bewertung des eigenen Vorgehens ist wichtig, um Korrekturen vornehmen und Ergebnisse transparent darstellen zu können. Insofern sollten frühzeitig bei der Projektkonzeption Instrumente zur Bewertung mit eingeplant werden. Bei umfangreicheren Projekten empfiehlt es sich, eine solche Evaluation extern vornehmen zu lassen, um einen fremden Blick auf die Maßnahmen zu gewinnen.
14. Sozialkapital aufbauen und nutzen
Kommunale Projekte, in denen öffentliche Leistungen durch bürgerschaftliches Engagement übernommen werden, bieten hervorragende Gelegenheit, um Kontakte und Beziehungen in der Kommune aufzubauen und zu vertiefen. Dieses "Sozialkapital" sollte durch systematische "Beziehungsarbeit" seitens der bürgerschaftlichen Projekte, der Politik, Verwaltung und der Wirtschaftsunternehmen zum eigenen Nutzen und zum Wohle des gesamten Projekts gezielt aufgebaut werden. Denn letztlich profitieren alle von einem umfangreichen Sozialkapital in der Region, da es als Schmiermittel des gesellschaftlichen Lebens einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und politisch-administrativen Leistungsfähigkeit einer Region leistet.



